»GEFANGEN IM PARADIES?« Fortsetzung
…Die Strandbar und das Grundstück, auf dem dieser Mann lebt, sind etwas in die Jahre gekommen und stark renovierungsbedürftig, so wie ihr Besitzer. Es gibt unterschiedliche Sitzgruppen an kuscheligen Ecken und sogar aus Ästen gebaute Tipis, in denen man schattig sitzen könnte, wären sie noch einladend und nicht vermüllt.
Doch er lächelt uns an und stellt uns Getränke auf den Tisch. Es riecht nach starkem Tabak und trotz des freundlichen Palmdachs, durch das die Sonnenstrahlen immer wieder hindurch glitzern und der Fülle der Natur rings herum, wirkt dieser Platz einfach nur wie leer geworden. Er lädt uns ein, mit ihm anzustoßen und ihm ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken.
Er hat nicht viel und er hat auch etwas gegen Camper. Was genau, will er nicht erzählen.
Darum hat er in der vergangenen Nacht misstrauisch hinter seinem Zaun gestanden und zu uns herüber geschaut. Ich nahm es kurz wahr, als wir in der Dunkelheit zu unserem Van zurück gekommen waren.
Und heute Morgen hat er dann vor unserer Türe gestanden, um uns mit ernstem Blick zu sagen, dass er hier keine Camper haben will. Ich nickte und sagte ihm, wir würden bis zum Abend diesen Ort verlassen.
Doch in diesem Moment, als wir an seiner Theke stehen, scheint die Welt kurz in Ordnung zu sein. Er schaut freundlich und lässt sich gerne auf ein Gespräch ein. Ich spüre, dass er einsam und nicht glücklich ist und dass er förmlich darauf wartet, angesprochen zu werden. Es fällt mir auch nicht schwer, ihn trotz seiner abweisenden Haltung in seiner Beachbar zu besuchen.
Ich schaue den mageren Alten freundlich an, während ich an meinem kalten Glas nippe. Ich sage ihm, wie zauberhaft ich diesen Ort finde und dass ich gerne längere Zeit hier verbracht hätte.
Er hat keine guten Erfahrungen mit Campern gemacht und ja, viele haben ihm schon gesagt, wie schön dieser Ort sei. Doch für ihn ist es sein tägliches Leben hier und nichts Besonderes mehr.
Dann frage ich ihn, ob er glücklich sei. Er schweigt kurz, atmet tiefer ein und hebt seine Schultern. Sein Blick schweift in die Ferne und er beginnt, seine Geschichte zu erzählen.
Sein Großvater hatte ihm dieses Land vermacht. Er sei Schafhirte gewesen und habe hier die Infrastruktur geschaffen. Früher habe es hier keine Straße gegeben. Man hätte diese Bucht mit dem Auto nicht erreichen können.
Doch er sei auch 16 Jahre lang in den USA gewesen in jungen Jahren. Und da beginnen seine Augen plötzlich zu leuchten. Er war dort sehr glücklich. Es sei ein aufregendes Leben gewesen. Ich habe leider den Namen der Gegend vergessen, in die er sich zurück wünschte.
Diese leuchtenden Augen hinter seinen graumillierten Strähnen, die von einem Stirnband gehalten wurden, geben ihm den Ausdruck des jungen Mannes aus Hippiezeiten, der sein Leben noch einmal genießt.
Er tönt in seinem Übermut, er wolle dort hin zurück. Doch als ich ihn ermutige, seinem Traum zu folgen und ihn frage, was ihn davon abhalte, da senkt er seinen Kopf. Ihm fehlen nicht nur ein paar Zähne, ihm fehlen die nötigen Papiere und das Geld. Er steckt sich eine weitere Zigarette in seinen Mund.
Aber ihm fehlt auch etwas noch viel Entscheidenderes: Die Erlaubnis, es zu tun. Verkaufen? Dieses Land? Nicht für 20 Millionen!
Niemals könnte er es übers Herz bringen, das, was er von seinem Großvater einst bekam, einfach zu verkaufen und sich ein schönes Leben zu machen.
Selbst nach seinem Tod sollte dieses Anwesen im Familienbesitz bleiben. Vielleicht würde es sein Bruder erben. Er selbst hat weder Frau noch Kinder.
So fristet dieser einsame Mann sein Dasein in diesem kleinen Paradies, resigniert über die schwindenden Touristen, für die er nicht einmal mehr ein kaltes Eis in der Truhe da hat und über seine für ihn ausweglose Situation.
Er wartet nur noch auf sein Ende, lebt in den Tag hinein und trinkt vermutlich seinen Alkohol überwiegend selbst. Denn er wirkt etwas beschwippst.
Unsere Begegnung, seine Geschichte hat mich berührt.
Mein Ego hätte vor nicht allzu langer Zeit trotzig diesen Ort verlassen, ohne je diese Geschichte zu erfahren. Hätte über diesen unfreundlichen Kautz geschimpft und diesen zauberhaften Ort in weniger angenehmer Erinnerung behalten.
Heute sehe ich den Menschen hinter der Fassade und empfinde echtes Interesse an der Lebensgeschichte, die hinter solchen Augen verborgen liegt.
Dieser Mann hat sich entschieden, Tradition und Prinzipien die Treue zu halten bis in den Tod.
Ich hätte ihn viel lieber dort gesehen, wo er lebendig und glücklich war, bei seinen alten Freunden in Amerika.
Dieser Mann könnte mutig seinem Traum folgen, wenn er es fertig brächte, los zu lassen. Nicht nur Materie, sondern auch all die Themen, die er aus all den Generationen vor ihm, weiter trägt.
So ehrenhaft es auch damals gewesen sein mag oder immer noch klingt! Treue, Ehre, Tradition…
Es kann auch zu einem echten Gefängnis werden. Findest du nicht auch?
Wie sehr macht es für dich Sinn, Traditionen weiter zu führen, Dinge beim Alten zu lassen, das Alte zu wahren und damit Neues zu verhindern?
Ist es nicht der Wandel bei jedem von uns, der uns wirklich frei macht, wenn wir ihm den Raum geben?
Könntest auch du glücklicher sein, wenn du mutig eine Entscheidung für dich treffen würdest, die dich zwingen würde, etwas Altes loszulassen?
Erinnere dich: Loslassen wird dein Leben mehr zum Guten verändern, als dein Kopf denkt.
Ich umarme dich
deine Olivia
💪Hol Dir Deine Macht zurück
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