Weißt du… wenn wir über roten Lippenstift sprechen, dann denken viele zuerst an Schönheit, an Ausdruck, an Sinnlichkeit, vielleicht auch an etwas Verspieltes.
Doch wenn ich dich ein wenig tiefer mitnehme, dann beginnen sich hier ganz andere und viel tiefere Geschichten zu zeigen.
Denn in Wahrheit begleitet die rote Farbe auf den Lippen die Frauen schon seit den frühesten Hochkulturen. Bereits im alten Mesopotamien begannen Frauen, ihre Lippen mit Farbpigmenten zu färben. Im Alten Ägypten war es ein bewusster Teil ihres Ausdrucks, und selbst Cleopatra trug dieses tiefe Rot als Zeichen ihrer Würde, ihrer Macht und ihrer Präsenz.
Wenn wir das wirklich begreifen, dann sprechen wir hier von einer Geschichte, die sich durch mehrere Tausend Jahre zieht. Eine Farbe, die unzählige Generationen von Frauen begleitet hat. Rote Lippen als ein Zeichen, das nie ganz verschwunden ist, auch wenn sich Zeiten, Kulturen und Bedeutungen gewandelt haben.
Frauen, die vor so langer Zeit ihre Lippen färbten, taten dies nicht, um jemand anderem zu gefallen. Sie taten es, um sich selbst zu erinnern. An ihre Kraft, ihre Verkörperung und an das Leben selbst, das durch sie fließt.
Und genau deshalb wurde dieses Rot im Laufe der Zeit auch immer wieder gefürchtet. Es gab Epochen, in denen Frauen mit roten Lippen als viel zu viel wahrgenommen wurden, sie waren zu sichtbar, zu präsent, sie wurden als aufdringlich wahrgenommen, und doch waren sie einfach ganz klar in sich.
Doch dieses Rot ließ sich nie verdrängen.
Gerade in den schwersten Zeiten, wenn im Außen vieles ins Wanken geriet, griffen Frauen immer wieder zu diesem Farbton. Es war ein Ausdruck, ihres stillen und inneren Aufrichtens.
Besonders in den Zeiten der Kriege, die noch gar nicht so weit zurückliegen, zeigte sich diese Kraft auf eine sehr berührende Weise. Während vieles zerbrach, Unsicherheit, Verlust und Entbehrung den Alltag bestimmten, begannen Frauen ganz bewusst, ihre Würde zu halten. Der rote Lippenstift wurde in dieser Zeit für die Frauen zu einem Zeichen von Solidarität, von Zusammenhalt. Ein Symbol des sich nicht unterkriegen lassens.
Während Männer im Krieg waren und Frauen plötzlich Aufgaben übernahmen, die zuvor kaum für sie vorgesehen waren, während sie arbeiteten, versorgten, trugen und hielten, wurde das Innehalten vor dem Spiegel, und das bewusste Auftragen von rotem Lippenstift zu einer starken Geste, die half sich für einen Moment aus dem Alltag zu erheben.
Dabei ging es nicht ums gefallen, oder darum im Außen gesehen zu werden. Einzug und allein diente es den Frauen sich selbst nicht zu verlieren.
Es war Ausdruck von Mut, Kraft und innerer Auf- und Ausrichtung. Es gibt Berichte von Frauen, die selbst dann, wenn sie kaum noch etwas hatten, sie Wege fanden, ihre Lippen zu färben. Mit einfachen Mitteln, und mit natürlichen Farben. Denn es ging dabei nie um das Produkt selbst oder einem Namen, sondern es ging um das Gefühl dahinter.
Es war ihnen ein stilles Erinnern an „Ich bin noch hier, ich lebe“.
Selbst in militärischen Strukturen blieb dieses Rot bestehen. Frauen in Uniform trugen bewusst Lippenstift, oft in sehr klar definierten Rottönen. Es ist Teil ihrer Erscheinung, ein Ausdruck von Disziplin, Präsenz und Würde.
Und wenn man all das zusammenfühlt, dann wird klar, dass es dabei nie um Eitelkeit oder äußere Schönheit ging. Der rote Lippenstift wurde zu einem stillen Ritual, einem Zeichen von Verbundenheit. Ein Moment, in dem eine Frau sich selbst begegnete und sie sich bewusst in sich zurückholte, auch wenn draußen alles lauter und schwerer wurde.
Und genau hier beginnt für mich die tiefere, vielleicht auch magische Ebene. Denn Rot ist die Farbe des Lebens, des Blutes, das durch uns fließt, die Kraft, die uns weiter und durch alles hindurch trägt. Und die Lippen sind der Ort an dem unserer Worte ihren Ausdruck bekommen. Dort formen wir, was wir in die Welt hinaus und hinein geben.