Liebe Geschwister,
ein weiteres Phänomen, das sich in jüngerer Zeit immer häufiger beobachten lässt, sind sogenannte muslimische Influencer mit sechsstelligen Reichweiten auf TikTok und Instagram, die offenbar das Studium der Scharia in Medina mit einem Kindergarten verwechseln. Kaum angekommen, kaum die ersten Schritte in der Sprachschule gemacht, tritt man bereits auf, als wäre man Lehrer, Ratgeber und Autorität zugleich.
Man erlebt dann mit einer gewissen Verwunderung, dass Personen, die selbst den Qurʾān noch nicht einmal sauber rezitieren können, plötzlich Qurʾān oder Arabischkurse anbieten, manchmal sogar organisiert über die eigene Ehefrau. An dieser Stelle drängt sich ein naheliegender Gedanke auf: Vielleicht wäre es zunächst angebracht, diesen Kurs selbst zu besuchen.
Noch bemerkenswerter wird es, wenn Menschen, die gerade erst mit dem Arabischlernen begonnen haben, öffentlich anderen das Arabische beibringen wollen. Wer selbst noch kaum einen Satz korrekt formulieren kann, sollte sich vielleicht zunächst dem Lernen widmen, statt der Ummah Unterricht anzubieten.
Und als wäre das nicht genug, tauchen parallel dazu bereits die ersten Geschäftsmodelle auf. Für einige hundert Euro wird der Community angeboten, eine sogenannte Badal Umra, also eine Ersatz Umra für Verstorbene, zu verrichten. Kaum angekommen in Medina, kaum begonnen zu studieren, und schon wird aus der Reise ein Geschäftsmodell. Wer diese Muster kennt, dem kommen unweigerlich gewisse Erinnerungen hoch. Erinnerungen an Zeiten, in denen andere während ihres Studiums in Medina bereits versuchten, den Muslimen allerlei Dinge anzudrehen. Man könnte sagen, das hat schon gewisse Tarek Vibes.
Mein Lieber, ich habe dich inzwischen viermal angeschrieben und dich höflich gebeten, einmal mit mir in Kontakt zu treten, um über genau diese Punkte zu sprechen. Leider scheinst du mehr damit beschäftigt zu sein, deine Frau in den sozialen Medien zu präsentieren, als auf die Nachrichten deiner Brüder zu antworten. Daher bleibt im Moment nur dieser Weg, bevor man sich weiter mit der Sache beschäftigt.
Und um das klarzustellen: Es geht nicht um deine Person als Individuum. Es geht um das Phänomen, das sich an deiner Person zeigt, ein Phänomen, das es mittlerweile mehrfach gibt. Menschen mit enormer Reichweite, die Tausende, ja Hunderttausende Jugendliche erreichen. Jugendliche, die die nächste Generation der Muslime darstellen.
Möge Allah uns bewahren, aber manchmal beschleicht einen die Sorge, dass die kommende Generation noch stärker geprägt sein wird von halbwissengetriebenen Internetfiguren, als wir es ohnehin schon erleben.
Erlaube mir an dieser Stelle einen aufrichtigen Rat. Bevor du überhaupt mit dem Studium der Scharia beginnst, bevor du überhaupt mit dem ernsthaften Studium der arabischen Sprache beginnst, beschäftige dich zunächst mit den grundlegenden Adab, mit den Benimmregeln und der Würde eines muslimischen verheirateten Mannes.
Denn zu diesen Adab gehört zweifelsohne, dass man seine Frau nicht öffentlich zur Schau stellt. Auch dann nicht, wenn sie ihr Gesicht mit der Hand verdeckt oder eine Maske trägt. Und erst recht nicht, wenn man anschließend öffentlich erklärt, dass eigentlich jeder seine "wunderbare Frau kennen sollte". Ein solches Verhalten bezeichnet man im Arabischen als Dayyūth. Vielleicht bist du dieser Vokabel in deinem Studium noch nicht begegnet, aber auch das wirst du vermutlich noch lernen, in deiner Sprachschule.