Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem „
https://www.youtube.com/clip/Ugkxdbgc462Tth1LUQE2ElTJuSX90nmObW-W“ und dem Anarchismus als politischer bzw. philosophischer Denkrichtung?
Der Unterschied ist mindestens genauso gewaltig wie bei der Analogie zwischen einem theoretischen Physiker und der Physik als wissenschaftlicher Disziplin.
Ad hoc kann ich keinen Physiker benennen, der nicht zumindest irgendwo im Kleingedruckten darauf hinweist, dass es sich bei seinen Ausführungen um theoretische Modelle (Sci-Fi Kopfkino) handelt. Bei den sogenannten „theoretischen Anarchisten“ ist es dagegen oft erstaunlich leicht zu erkennen, wo ihre tatsächliche politische Position liegt. Sie labeln sich selbst beispielsweise als Libertäre oder Minimalstaatler.
Das Problem dabei: Sie lehnen Herrschaft bzw. hierarchische Zwangsordnungen nicht grundsätzlich ab. Stattdessen berufen sie sich häufig darauf, dass sie lediglich einen „schlanken Dieb“ wünschen, weil der „fette Staat“ als Räuber mittlerweile deutlich zu groß und zu mächtig geworden sei.
Damit wird der Staat jedoch nicht grundsätzlich als Herrschaftsform infrage gestellt. Die Forderung lautet vielmehr, den bestehenden Staat zu verkleinern und seine Eingriffe auf ein vermeintlich notwendiges Minimum zu reduzieren.
Genau hier liegt für mich der entscheidende Unterschied: Libertarismus und Anarchismus sind nicht automatisch dasselbe. Wer lediglich einen kleineren Staat fordert, stellt Herrschaft nicht grundsätzlich infrage. Der Anarchismus geht als politische und philosophische Denkrichtung wesentlich weiter: Er richtet sich gegen Herrschaft bzw. hierarchische Zwangsordnungen als solche.
Ein „schlanker Dieb“ ist schließlich immer noch ein Dieb. Und ein „fetter Staat“ wird nicht dadurch zu etwas grundsätzlich anderem, dass man ihn auf Diät setzt.
So betrachtet können sich Libertäre zwar als besonders staatskritisch darstellen, gleichzeitig aber Positionen vertreten, die nicht auf die Überwindung von Herrschaft, sondern lediglich auf deren Reduzierung und Neuordnung hinauslaufen. Und genau an diesem Punkt kann sich die angeblich anti-staatliche Position sogar mit der Verteidigung bestehender oligarchischer Machtstrukturen überschneiden.
Dabei sollte man die Nomenklatura nicht ausschließlich mit der Regierung gleichsetzen. Sie kann vielmehr als ein Zusammenspiel verschiedener staatlicher und gesellschaftlicher Machtbereiche verstanden werden: Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Militär, Medien und Propaganda sowie die Institutionen, die durch Gesetze und Vorschriften verbindliche Regeln durchsetzen.
Herrschaft zeigt sich nämlich nicht nur dort, wo jemand unmittelbar Befehle erteilt. Sie kann sich auch in rechtlichen, wirtschaftlichen, institutionellen und kulturellen Zwangsmechanismen ausdrücken.
Ein einfaches Beispiel ist das „gesetzliche Zahlungsmittel“: Wenn ein bestimmtes Zahlungsmittel per Gesetz als verbindliches Zahlungsmittel festgelegt wird, handelt es sich um einen staatlich gesetzten Zwangsrahmen. Ebenso kann der gesamte „toxische Mindfuck“ aus täglich wiederholten Narrativen, Deutungsmustern und propagandistischen Botschaften Teil eines größeren Systems von Herrschaft sein – insbesondere dann, wenn diese Narrative durch Institutionen mit gesellschaftlicher Macht ständig reproduziert und als selbstverständlich vermittelt werden.
Herrschaft besteht daher nicht nur aus der Regierung. Sie kann vielmehr als ein Zusammenspiel verschiedener Institutionen, Machtbereiche und Mechanismen funktionieren, die gemeinsam bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse stabilisieren und als legitim oder alternativlos erscheinen lassen.
Man sollte sich also nicht wundern, wenn ein „libertärer“ Influencer den „wissenschaftlichen (K/N)onsens“ genauso braucht, wie ein Baby seinen Schnuller!