Die Kirche lebt dann nicht mehr zuerst aus dem sakramental gegenwärtigen Christus, sondern aus der Verkündigung, aus der existentiellen Aneignung, aus der religiösen Aktualisierung. Sie muss die Wahrheit nicht mehr empfangen, sondern die Bedeutung herstellen.
In der neuzeitlichen Theologie wird diese Verschiebung spätestens seit Schleiermacher vorbereitet und bei Bultmann programmatisch greifbar. Der Glaube wird zunehmend vom empfangenen Mysterium auf das religiöse Bewusstsein, auf Erfahrung, Deutung und existentielle Aneignung verlagert. Damit beginnt kein harmloser Methodenwechsel. Es beginnt eine tektonische Verschiebung, die die Kirche bis heute trifft.
Kirchengeschichtlich ist diese Entwicklung kein nebensächlicher Irrtum. Sie wirkt wie ein geistlicher Angriff auf die Fähigkeit der Kirche, konsistent aus der empfangenen Wahrheit zu denken. Wo das Mysterium in Bewusstsein, Symbol und Deutung aufgelöst wird, wird der Zusammenhang von Inkarnation, Kreuz, Auferstehung, Himmelfahrt, Sakrament und Kirche innerlich zerschnitten.
Das ist die Stelle, an der die neuzeitliche Wirklichkeitskonstruktion ihren religiösen Ernst bekommt. Sie kommt nicht immer grob daher. Sie kommt oft gebildet, verantwortlich, historisch informiert, pastoral sensibel. Aber sie verschiebt das Zentrum. Christus ist dann nicht mehr der erhöhte Herr, der seiner Kirche vorausgeht, über ihr steht und in ihr wirkt. Christus wird zur Botschaft, die in der Gemeinde geschieht. Die Wahrheit wird in die Wirklichkeit der Deutung verlegt.
Und damit beginnt die lange Folgekrise.
Von der Entleiblichung zur religiösen Ersatzproduktion
Wenn Christus nicht mehr leibhaft auferstanden, leibhaft erhöht und sakramental gegenwärtig bekannt wird, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum bleibt nicht leer. Es wird gefüllt.
Wo der erhöhte Herr nicht mehr empfangen wird, muss Gegenwart hergestellt werden. Wo die sakramentale Mitte schwach wird, wird Atmosphäre stark. Wo die Wahrheit nicht mehr trägt, muss die religiöse Wirklichkeit inszeniert werden. Wo die Kirche nicht mehr aus Christus lebt, beginnt sie, Erlebbarkeit zu produzieren.
Hier liegt die spätere Konsequenz pseudo-evangelikaler und kryptokalvinistischer Verschiebungen.
Pseudo-evangelikal ist diese Verschiebung dort, wo das Evangelium nicht mehr zuerst als von Christus her geschenkte Wahrheit erscheint, sondern als aktivierendes Erlebnis, als Entscheidungspathos, als emotionaler Zugriff, als religiöses Hochgefühl, als persönliche Verfügbarkeit von Nähe. Kryptokalvinistisch ist sie dort, wo die sakramentale Christusgegenwart faktisch verdunkelt wird und an ihre Stelle ein Wort-, Bekenntnis-, Innerlichkeits- oder Erwählungsmodus tritt, der äußerlich fromm sein kann, aber die leiblich-sakramentale Dichte der einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche nicht mehr trägt.
Diese Marker sind keine Milieubeschimpfung. Sie bezeichnen Verformungsmodi.
Der Zusammenhang ist sachlich: Eine entleiblichte Himmelfahrt erzeugt eine entleiblichte Gegenwart Christi. Eine entleiblichte Gegenwart Christi erzeugt religiöse Ersatzräume. Diese Ersatzräume müssen spürbar, bewegend, identitätsbildend und gruppenstabilisierend sein, weil sie nicht mehr schlicht aus der empfangenen Wahrheit leben. Darum werden Musik, Stimmung, Bühne, Sprache, Gruppengefühl, Entscheidung, Bekenntnisdruck und Erlebnisdramaturgie so leicht zu Ersatzträgern der Gegenwart.
Dann geschieht etwas Gefährliches. Die Gemeinde meint, besonders lebendig zu sein, während sie in Wahrheit die Gegenwart ersetzt, die sie nicht mehr empfängt. Sie hält ihre eigene Aktivierung für Geist. Sie hält ihre Atmosphäre für Nähe. Sie hält ihre Bewegung für Kirche. Sie hält ihre Wirklichkeit für Wahrheit.
An dieser Stelle muss der Text deutlich werden. Solche Wirklichkeitskonstruktionen gehören nicht in die Mitte der Kirche. Sie gehören auf den großen Haufen der Irrtümer der theologischen Neuzeit. Nicht, weil jede moderne Frage dumm wäre. Nicht, weil historische Forschung wertlos wäre. Nicht, weil Sprache nicht geklärt werden müsste.