Der Name Odin wurde von dem Häuptling eines Stammes angenommen, der im ersten Jahrhundert des christlichen Zeitalters nach einer mystischen Erfahrung, in der ihm der Gott Odin erschien, aus dem Gebiet um das Kaspische Meer auswanderte. Der Legende nach führte dieser Häuptling, dessen ursprünglicher Name Sig war, einen wandernden Stamm durch ganz Nordeuropa, also durch Teile von Russland, die Ukraine, Polen, Deutschland, Dänemark und Schweden, und gründete schließlich in Südschweden eine Siedlung. Es wurden Vergleiche zwischen diesem historischen Odin und dem legendären König Artus von Camelot angestellt, da auch Odin mit Hilfe von zwölf Ältesten regierte, von denen jeder ein Zeichen des Tierkreises repräsentierte. Nach seinem Tod wurde dieser Odin von seinen Nachfolgern zum Gott erhoben. Ein Grabhügel, von dem angenommen wird, dass es der seine ist, befindet sich in der Nähe eines alten Tempels des Odinismus in der schwedischen Stadt Uppsala, wo angeblich eine Runenschule gegründet worden war.
Nachdem Island von den Skandinaviern kolonisiert worden war, wurde der Herrscher nicht »König«, sondern »Rechtssprecher« genannt. Er hatte ebenfalls zwölf Assistenten, die so genannten »Magistrate«, als örtliche Verwalter. In Island saßen immer drei Magistrate zu Gericht, die für das Urteil zu einer Übereinkunft kommen mussten. In der nordischen Mythologie wird der prähistorische Odin häufig mit zwei anderen Göttern in göttlicher Dreiheit dargestellt. Dies zeigt, dass das Universum zur Zeit seiner Entstehung in Zonen kosmischen Eises und kosmischen Feuers gespalten war - das Yin und Yang des taoistischen Schamanismus. Zudem gab es eine Mitte, in der diese kosmischen Kräfte im Gleichgewicht waren. Die isländische bürgerrechtliche Tradition war daher eine Widerspiegelung einer früheren Auffassung des Odinismus.
Es gab auch noch einen dritten Odin, einen Mystiker von beeindruckender Gestalt. Er wird als groß und schlank beschrieben mit langem grauen Haar, das bis auf seine Schultern herabfiel. Er trug einen dunkelblauen Mantel und hatte eine Kapuze oder einen weichen, breitrandigen Hut, der auf einer Seite über sein Gesicht gezogen war, als wollte er damit ein fehlendes Auge verbergen. Sein linkes Auge war stechend blau-grau. In seiner rechten Hand trug er einen Stab aus dem Holz eines Schlehdorns, an dem Knochen, Muscheln, Steine, Federn und Tierpelz hingen. An der Spitze des Stabes waren Runenmuster eingeritzt. Er hatte zwei Raben und einen Wolf bei sich. Dieser Odin war ein Schamanenmeister, der durch das Land wanderte und dessen Fähigkeiten und Taten so bemerkenswert und scheinbar wundersam waren, dass ihm nachgesagt wurde, er besitze die göttliche Macht Odins.
In mittelalterlichen Geschichten wurde der Schamane Odin mit Tricks und Betrügereien in Verbindung gebracht, diese verzerren jedoch die Vorstellung eines »Narren« mit einer göttlichen Mission. Bei den nordamerikanischen Indianern wurde eine solche Person »Heyokah« genannt. Seine heilige Aufgabe war es, die Menschen zu lehren, über ihre Fehler und kleinen Missgeschicke zu lachen. Der Schamane Odin hatte eine ähnliche Rolle inne. Der heilige »Narr« arbeitete nicht mit Lügen und Betrug. Er brachte die Menschen stattdessen dazu, ihre Worte und Handlungen zu hinterfragen, und hielt sie dadurch dazu an, für sich selbst zu denken und die Ansichten, die von anderen an sie herangetragen wurden, nicht ohne weiteres zu übernehmen. Indem er sie über ihre eigenen Dummheiten lachen ließ, gab er ihnen die Möglichkeit, ihren »heiligen, persönlichen Raum« wiederzuerlangen. Im Mittelalter gab es als Gegenstück zu diesem heiligen Narren den Hofnarren, dessen Witze und Kunststückchen den Zuschauern beibringen sollten, das Leben nicht zu ernst zu nehmen, sondern es zu genießen.
Die verschiedenen Odinsgestalten sind miteinander verschmolzen. Dadurch entstand keine Fehldarstellung, sondern eine fortgeführte Wahrheit. Es gab einen Schamanen, dem die Runen offenbart wurden, als er sich in einem veränderten Gewahrseinszustand befand.