[Iran: Fakten statt Ressentiments]
Der Iran wird angegriffen. Bei vielen AfDlern: ein großer Grund zur Freude. Ich mache nicht allen von ihnen einen Vorwurf. Manche werden schlichtweg benutzt. Manche benutzen sie. Und diese sind das Problem.
Was am meisten verstört bei den gemeinten Neocons, welche die gute, weil ausgewogene und ruhige Iran-Krieg-Erklärung Weidels und Chrupallas angreifen: das nicht vorhandene Wissen, das wiederum von jenen in der AfD und in ihrem Umfeld genutzt wird, die eine klare Agenda, aber letztlich wenig für Deutschland und Europa übrig haben.
Nur fünf beliebte Talking Points von einer bestimmten Gruppe von Mandatsträgern und ihren Zuarbeitern als erste Beispiele:
1. Behauptung: Iran unterstütze direkt oder indirekt den IS, weil der IS dasselbe will.
Wahrheit: Iran bekämpfte den IS fast zehn Jahre lang in Syrien und hatte Abertausende Tote durch IS-Angriffe erlitten. Iran ist (zwölfer-)schiitisch, IS wahhabitisch. Für IS-Ideologen ist der schiitische Islam das allergrößte Hassobjekt seit bereits 14 Jahrhunderten. Größer als der Hass auf Israel übrigens, das durch den IS, anders als der Iran, nie angegriffen wurde. Das heißt natürlich nicht, dass die israelische Regierung involviert wäre, aber es zeigt den fanatischen Hass des IS und seiner Gesinnungsgenossen auf Schiiten. Dieser übertrifft alles. Der Iran gehört also nicht mit dem IS in einen Topf.
2. Behauptung: Iran „importiere“ seine Glaubensbrüder nach Deutschland und überfremde damit Deutschland.
Wahrheit: Schiiten in Deutschland stellen weniger als fünf (!) Prozent der hier lebenden Muslime. Iranische Schiiten gibt es darunter wiederum fast keine. Und die, die es gibt, sind meist sogar Regimegegner.
3. Behauptung: Iran organisiere in der BRD den Islamismus, Salafismus und Wahhabismus.
Wahrheit: Salafismus und Wahhabismus sehen im schiitischen Islam den Hauptfeind. Salafisten und Wahhabiten in der BRD greifen den Iran theologisch und politisch an, sehen ihn als Feind Nummer 1. Es gibt allerdings tatsächlich wenige Hundert proiranische schiitische Islamisten; diese sind von großen islamischen Netzwerken und allen anderen islamistischen Strömungen ausgeschlossen und werden zudem staatlich repressiv behandelt. Ergo: marginal und isoliert.
4. Behauptung: Iran verfolge Christen und Juden „wie der IS“.
Wahrheit: Es gibt christliche und jüdische Minderheiten im Iran, die auch gesellschaftliche und politische Repräsentanz aufweisen. Sie dürfen allerdings nicht missionieren, was ein eindeutiger Eingriff in unser Verständnis von Religionsfreiheit ist. Dieser Eingriff ist gleichwohl nicht so barbarisch und mörderisch wie beim IS oder auch, freilich deutlich abgeschwächter, in Nationalstaaten mit wahhabitischer Beeinflussung (z. B. Saudi-Arabien).
5. Behauptung: Der Iran fördere islamistischen Terrorismus in Deutschland.
Wahrheit: Ausnahmslos alle Anschläge in Deutschlands Geschichte, die mit Islamismus zu tun haben, wurden von salafistischen und wahhabitischen, also extrem antiiranischen Gruppen und Personen begangen.
Usw. usf.
Zur Wahrheit gehört aber immer auch:
Man kann aus sehr guten Gründen gegen das Regime in Teheran sein. Verfolgung der Bahai, fehlende freie Wahlen, Todesstrafe, drakonische Repressionen gegen Systemgegner etc.
Man kann, darauf aufbauend, gar für einen Regime Change eintreten, um die Karten für das iranische Volk neu mischen zu lassen.
Nur sollte dies nicht auf oben genannten und vielen weiteren Neocon-Lügen basieren — und man sollte stets realistisch und von einem souveränen eigenen Standpunkt aus die massiven Folgen für den Nahen und Mittleren Osten, aber eben auch für Deutschland und Europa abwägen,
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Grüße in die Runde.
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