Es ist faszinierend, wie viele spirituelle New-Age-Anhänger ständig davon sprechen, „dass es wichtig ist, in seiner Mitte zu bleiben“, dabei aber gar nicht bemerken, dass sie sich ausschließlich auf das Positive fokussieren und alles Negative ablehnen oder sogar verhöhnen. Das ist keine Mitte – das ist ein klares Ungleichgewicht. Offenbar haben sie das Prinzip von Yin und Yang nicht wirklich verstanden.
Wie merkwürdig ist doch diese neue Frömmigkeit: Man predigt die „Mitte“ und kennt nur die Flucht. Man spricht von Balance und übt doch nichts als Verdrängung. Das sogenannte Positive wird wie ein Götzenbild verehrt, während alles Dunkle, Harte, Widerständige aus dem Tempel verbannt wird.
Aber was ist eine Mitte, die das Gewicht nicht erträgt? Was ist ein Gleichgewicht, das sich vor der Schwere fürchtet? Es ist keine Mitte – es ist Schwäche, verkleidet als Harmonie.
Wer das Leben bejaht, bejaht es ganz: nicht nur sein Licht, sondern auch seinen Schatten; nicht nur den Aufstieg, sondern auch den Abgrund. Das „Negative“, das man so eifrig meidet, ist kein Feind des Lebens – es ist sein Prüfstein. Ohne Widerstand keine Kraft, ohne Bruch keine Form, ohne Schmerz kein Werden.
Und so verrät sich diese Bewegung: Sie sucht nicht Wahrheit, sondern Trost. Sie will nicht Ganzheit, sondern Betäubung. Das Gleichgewicht, von dem sie spricht, ist nichts weiter als ein künstlich stabilisierter Stillstand – ein Frieden, der aus Angst geboren wurde.
Die wahre Mitte aber ist kein bequemer Ort. Sie ist ein Spannungsfeld. Ein Tanz auf dem Seil zwischen Chaos und Ordnung – und nur wer beides in sich trägt, ohne zu fliehen, der steht wirklich in seiner Mitte.
Taklu 2026