Meine Katze war drei Tage verschwunden und kam mit einer handgeschriebenen Rechnung zurück, als hätte sie sich heimlich im ganzen Viertel anschreiben lassen.
Findus saß vor meiner Haustür, als wäre nichts gewesen.
Drei Tage weg.
Keine Spur.
Kein schlechtes Gewissen.
Keine Entschuldigung.
Nur mein dicker orangefarbener Kater, der seelenruhig seine Pfote leckte, mit einem zusammengefalteten Zettel am Halsband, festgebunden mit einem blauen Geschenkband.
Ich dachte erst, er wäre verletzt.
Dann band ich den Zettel los.
Darauf stand:
IHRE KATZE SCHULDET MIR:
8 Tütchen Thunfisch
2 Schälchen Hühnereintopf
1 Scheibe Putenbrust
und eine halbe Lachsfrikadelle, die er mir allein mit seinem Blick abgeschwatzt hat.
Ganz unten stand in krakeliger Schrift eine Adresse, nur zwei Straßen weiter.
Ich stand in Socken vor der Tür und starrte Findus an.
Findus sah zurück, als wäre das ab jetzt mein Problem.
Ich wohne in einer kleinen Wohnsiedlung, so einer Gegend, in der sich alle freundlich zunicken, aber kaum jemand wirklich stehen bleibt. Die Hecken sind ordentlich geschnitten, die Pakete landen pünktlich vor der Tür, und die Garagen gehen auf und zu, als wollten die Leute bloß keine Gespräche anfangen.
Findus hatte in dieser Nachbarschaft offenbar tiefere Beziehungen aufgebaut als ich.
Er drängelte sich an mir vorbei und marschierte direkt in die Küche, als hätte er nicht gerade drei Tage lang das halbe Viertel leergefressen.
Ich ging mit dem Zettel hinterher.
„Acht Tütchen Thunfisch?“, sagte ich.
Er sprang auf die Arbeitsplatte und miaute vor seinem leeren Napf.
Der sah aus, als hätte er in seinem Leben noch keine einzige Rechnung bezahlt.
Ich sollte vielleicht dazusagen:
Findus hungerte nicht.
Findus wurde nicht vernachlässigt.
Findus wog fast zehn Kilo und bestand komplett aus Fell, Meinung und Dreistigkeit. Er bekam gutes Futter, frisches Wasser, Leckerlis, ein beheiztes Körbchen im Winter und bessere medizinische Versorgung als ich selbst.
Trotzdem war er einfach abgehauen und hatte es irgendwie geschafft, sich woanders durchzufressen wie ein Profi.
Gegen Mittag war mir das Ganze so peinlich, dass ich gar nicht anders konnte, als hinzufahren.
Ich setzte Findus in die Transportbox, auch damit er sich einmal anschauen konnte, was er angerichtet hatte, und fuhr zu der Adresse auf dem Zettel.
Es war ein kleines weißes Haus mit einer Bank vor der Tür und ein paar Blumenkübeln, die schon bessere Tage gesehen hatten.
Eine ältere Frau öffnete, noch bevor ich ein zweites Mal klingeln konnte.
Ihr Blick ging sofort zur Transportbox.
„Da ist er ja“, sagte sie und lächelte so schnell, dass es mich überraschte. „Der kleine Schnorrer.“
Ich hob den Zettel hoch.
„Ich wollte seine Rechnung begleichen.“
Sie lachte. Leise. Müde. Warm.
„Ach, das war doch mehr Spaß als Ernst.“
In ihrer Wohnung roch es nach Kaffee und frisch gewaschener Wäsche. Nichts Besonderes. Einfach sauber, ordentlich, still. So eine Stille, die schwerer wirkt, als sie sollte.
Findus fing sofort an, in der Box Theater zu machen, als sie sich von ihm wegdrehte.
„Ach, lassen Sie ihn raus“, sagte sie. „Er kennt sich hier aus.“
Er kennt sich hier aus.
Mit diesem Satz hatte ich nicht gerechnet.
Ich machte die Box auf, und dieser Verräter lief direkt zu ihrem Sessel, sprang hoch, drehte sich zweimal im Kreis und ließ sich fallen, als würde ihm der Platz schon seit Jahren gehören.
Sie stellte sich als Ingrid vor.
Sie lebte allein. Ihr Mann war vor zwei Jahren gestorben. Die Tochter wohnte in einer anderen Stadt. Nette Leute in der Nachbarschaft, sagte sie, aber alle seien immer beschäftigt.
Beschäftigt.
Das Wort sagte sie zweimal.
Findus war vier Tage vorher zum ersten Mal bei ihr aufgetaucht, gegen Abend, und hatte auf ihrer Hintertreppe gesessen und gejammert, als wäre er ein völlig verlassener Straßenkater.
„Ich dachte erst, er hätte sich verlaufen“, sagte sie. „Dann habe ich ihm einen Löffel Thunfisch gegeben, und er hat mich angeschaut, als hätte ich sein Leben gerettet.“
Ich musste lachen.
Sie auch.
Teil 1/2